



Veröffentlichung Ende 2005 im Verbrecher Verlag/Berlin.










| Unser Haus. Ich weiss nicht genau wann es gebaut wurde. Wir wohnten immer darin. Erst hatten wir einen Kohlen - und Heizölverkauf, dann einen Lebensmittelladen und später, als ich 13 war, eine Gastwirtschaft, die hieß "zur Traube" und einen Getränkeabholmarkt. Es gibt kaum Fotos aus diesen Zeiten, wie es überhaupt wenige Fotos aus meiner Kindheit gibt. Außer dem Einschulungsfoto, ein Kommunionfoto und ein paar Schnappschüsse mit mir und meinen Schwestern, habe ich keine Fotos aus meiner Kindheit. Wenn ich mir diese Bilder ansehe, werden vergessene Tage, Geschehnisse, die verdrängt oder aus dem Gedächtnis verloren waren, wieder wach gerufen. Ich frage mich, wie man sich ohne Fotos erinnern kann... Der Spielplatz, der heute traurig und verlassen ist, war zu meiner Kindheit ein Ort voller Leben und Aufregung. Endlose Spiele im Sandkasten, Einbutteln von Nachbarskindern oder toten Vögeln, Lager bauen im Gebüsch, Marienkäfer in Streichholzschachteln stecken und erste Zungenküsse. Er hieß Michael. Die Familie war neu zugezogen und bestand aus fünf Jungs genau in unserem Alter. Drei von uns (sogar vier wenn man die Jüngste mit dazu zählt – ich habe fünf Schwestern) verliebten sich. Obwohl ich erst elf war erinnere ich mich sehr gut an die Gefühle, und den Schmerz, den ich empfand, als Michael eine andere Freundin hatte. Ich weiss auch noch wie dieses Mädchen aussah, auf die ich, zum ersten Mal in meinem Leben, eifersüchtig wurde. Ich glaubte sie sei hübscher, mit ihren langen braunen, glänzenden Haaren und großen dunklen Augen. Sie hatte einen dunklen Teint, der warm und golden wirkte, sie war groß und schlank und hatte gleichzeitig etwas Weiches und Aristokratisches in ihrer schüchternen Ausstrahlung. Ich dachte das müsste der Grund sein, weshalb er sich in sie verliebte, dass er sie schöner fand, und ich sah mich mit anderen Augen. Mit Tante Evel ging ich häufig auf den Friedhof. Sie hatte jeden Tag dort zu tun. Sie war eine ledige Frau (geschieden, was wir aber nie wissen durften; sie war eine strenge katholische Frau). Ihr Mann, so erzählte sie uns, sei im Krieg gefallen. Er sei ein schöner Mann gewesen mit einem Mückenbart, wie Adolf Hitler. Sie blieb kinderlos und zog bei uns ein, als meine Schwester Annette geboren wurde und ich erst drei Jahre später zur Welt kam. Sie war wie eine Oma für uns alle und unentbehrlich für die Familie, als Hilfe für meine Mutter bei der Kinderversorgung und bei uns Kindern, als Seelsorgerin und gute Oma. Ich liebte sie und denke immer noch täglich an sie. Sie verstarb im hohen Alter, in einer psychiatrischen Anstalt. Dort überlebte sie nur einige Monate. Ich besuchte sie zweimal dort und es brach mir das Herz. Sie war eine sehr stolze, feine Frau. Sonntags kam die gute, weiße Tischdecke mit bestickten Blumen auf den Küchentisch und die frischen Anziehsachen aus dem Schrank. Sie wollte niemanden zur Last fallen und kaufte sich ihr Grab schon zu Lebzeiten. Sie durchlebte zwei Weltkriege, Telefon und Fernseher waren für sie Neuheiten. So war sie auch immer ein wenig misstrauisch gegenüber den neuen Techniken. Sie besaß nie ein Telefon und der Fernseher musste immer auf einem Kanal eingeschaltet bleiben, weil sie glaubte, das Gerät durch umschalten der Kanäle zu sehr abzunutzen. Auch der Radiosender durfte nie verstellt werden. So hörten wir schließlich jeden Mittag "Wünsch dir was" wo Heino, Heintje und Peter Alexander gespielt wurden. Ich liebte diese Stunden vor dem Mittagessen, in denen ich ihr zu sah, wie sie das Essen zubereitete. Das war die heile Welt in der ich das geliebte Kind sein konnte. Der Samstag war ein gefürchteter Tag. Wir mussten alle sauber sein für den Sonntag und das hieß - alle zusammen in die Badewanne. Das ging in zwei Durchläufen. Zu dritt oder zu viert in die Wanne und Tante Evel schrubbte uns bis wir keinen Dreck mehr hinter den Ohren hatten. Das ging nie ohne Streitereien, ohne Tränen und Gebrülle, weil Shampoo in die Augen kam, das Wasser zu heiß war oder Tante Evel, die samstags immer sehr gereizt war, zu grob mit uns wurde. Zu Mittag gab es immer heiße Fleischwürstchen mit Weißbrot und Senf bis wir uns eines Tages alle davon übergeben mussten und danach lange niemand mehr Fleischwürstchen sehen konnte. Nach der vorwiegend sorglosen und schönen Zeit bei den katholischen Schwestern im Kindergarten musste ich in die Schule. Frau Schreber war meine Klassenlehrerin. Eine strenge Frau, die eine goldene Halskette trug mit einer Kugel dran, in der eine Uhr eingefasst war, und ihr zwischen den spitzen Busen hing, den sie nach vorne schob mit einem strammen, runden Rücken und hochgezogenen Schultern. Klassenbewusst und unerbittlich strafte sie mit Zensuren. Wenn Cornelia auch wieder eine sechs hatte im Diktat nahm Frau Schreber das Heft, das schwarz eingebunden sein musste und schlug es Cornelia um die Ohren. Mich verschonte sie mit dieser Demütigung vor der ganzen Klasse, wohl weil ich nicht als asozial galt in ihren Augen. An einem Fronleichnamstag geschah ein kleines Unglück, das mir immer in Erinnerung bleiben sollte. Ich hatte vergessen, dass es strengstens verboten ist Fleisch zu essen. Und genau das tat ich und aß eine Wurst. Das Unheil hing in der Luft bis es auf meine Schwester hinab stürzte bzw. sie stürzen ließ, nämlich die Treppe hinunter. Sie trug ihre gefährliche hohen Kloks, die noch dazu viel zu groß für sie waren. Sie hatte die Wahrungen meiner Mutter, dass sie sich noch das Genick damit brechen würde, einfach ignoriert. Nun war ich aber an diesem Unglück Schuld, weil ich die Wurst gegessen hatte. Meine Schwester musste ins Krankenhaus, der Fuß war verstaucht und ich wurde gezwungen den Pfarrer anzurufen und um Vergebung zu bitten. Schweren Herzens rief ich den Pfarrer an. Der wiederum war gnädig, lies mich ein paar "Vater Unser" beten und damit war ich erlöst. Das "Acht-Familien Haus" so nannten wir das immer, war ein Häuserblock in dem auch Guido wohnte. Ein merkwürdiger Junge, der nicht zur Schule ging und ab und zu in unserer Strasse aufkreuzte und ordentlich aufmischte. Alle hatten Angst vor ihm, weil er unberechenbar und grob war. Besonders auf die pubertärenden Mädchen hatte er es abgesehen und die schrieen am grellsten wenn er ihnen hinterher rannte. Die epileptischen Anfälle waren angeblich simuliert, jedenfalls hatte niemand wirkliches Mitleid mit ihm, wenn er einen hatte oder vortäuschte und dann auf der Strasse lag mit Schaum vor dem Mund. Solche Gestalten, die immer rätselhaft, undeutlich oder unheimlich waren, gab es viele in unserer Stadt. Eugen, ein geistig behinderter Mann, (der zu einer Familie gehörte, die man heutzutage sozial schwach nennen würde), war auch einer dieser merkwürdigen Figuren in meiner Kindheit. Eugen war alterlos. Er konnte nicht sprechen, war immer schmutzig im Gesicht, wühlte in Mülltonnen nach Essensresten, die er dann aß, trug zerlumpten Kleider und sah so aus, dass wir Kinder uns vor ihm fürchteten. Er trieb sich in der ganzen Stadt herum. Auch in der Kirche. Da kam er oft mitten in der Messe und klopfte auf die Bänke und brüllte oder lachte. Er war ein friedfertiger Mensch, um den sich niemand kümmerte, der einfach herumzog bis man ihn eines Tages weg brachte. Niemand weiss was mit ihm passierte. Eine Frau, die "Waldhex" genannt wurde wohnte neben diesem Alkoholikerpärchen. Es hieß sie hätte sich prostituiert. Sie war sehr hässlich und alt, arm und eine Trinkerin. Auch sie verschwand einfach irgendwann mit diesem Haus. Herr Weinlein, ebenfalls Alkoholiker und Bewohner dieses Hauses, lebte mit seiner Frau und schnappte eines Tages über. Er sah buchstäblich weiße Mäuse und man rief den Krankenwagen. Das passierte auf unserem Balkon, als wir noch in unseren Schlafanzügen waren und plötzlich den verstörten Herrn Weinlein hörten, wie er aufgeregt und voller Angst von weißen Mäusen faselte. Frau Wohl, die einen "guten" Mann hatte und in einer gutbürgerlichen Wohnung wohnte, erging es ähnlich . Eines Morgens stand sie bei uns in der Restaurantküche und sprach mit dem Herd. Sie lies sich nicht davon abbringen, dass das nur ein Herd war und sie kam in ein "Krankenhaus". Dass ihr Mann sie schlug war bekannt, wurde aber nicht beredet. Oft kam sie mit Blutergüssen im Gesicht und meine Mutter sagte, Frau Wohl sei mal wieder die Treppe runter gefallen. Frau Wohl mochte meine Mutter gut leiden und kam oft bei uns vorbei. Dann stand sie im unserem Treppenhaus und rief "Erika" wie eine Nachtigall. Und abends saß sie gerne in unserer Kneipe am Männerstammtisch und sang mit dem netten Herrn Böller Heimatlieder über die schönen Berge in Tirol. |